Wat’n Theater X – Mehr Ultra‘ Performance!

svb-zwickau-18-08-2013

Überall und immer wurde und wird debattiert. Mal ist es sichtbarer. Mal bleibt es intern. Manchmal wird es bösartig. Oft schaukelt sich die Kritik hoch. Und am Ende gehen sich die besten Freund*innen an die Gurgel. Im Theater soll das schon öfter passiert sein. Kann ja auch mal passieren, wenn mensch zu nah aufeinander hockt. Da gibt’s schnell den berühmt berüchtigten Bühnenkoller und alle pöbeln sich an. Aber so’ne nette intellektuelle Keilerei hat schon was für sich. Zumindest, wenn die Kontrahent*innen später beim Rotweinchen wieder gemeinsam über irgendwen anderen ablästern können.

Dieses Sticheln und Stänkern in philosophischen Kreisen hat übrigens schon früh begonnen. Die Kain und Abel des Theaters waren Platon und Aristoteles. Ersterer ein totalitärer Kontrollfreak, der in seiner Staatsphilosophie doch glatt den Staat als Kuppler-Institution in der Pflicht sah, die Reinheit des Erbgutes zu schützen. Der Zweite ein Witzbold, der mächtig viel hinterlassen und noch mehr verschwinden ließ. Die Theorie zur Komödie und Tragödie haben es beinah allen nachfolgenden Theoretiker*innen angetan. Denn alle, von den französischen Klassizist*innen über die protestantischen bürgerlichen Spielverderber*innen und Avantgardist*innen bis zu den postdramatischen Nixmehrseinwollenden, haben sich an diesem antiken Schwätzer abgearbeitet. Und immer geht es um das richtige Theater. Das Echte. Das Kathartische. Und schließlich das politische Theater. Und so sind wir schon mitten drin in der Debatte. Und es geht wieder mal um Politik. „Bäh, Politik“, plärren da gerne die bürgerlichen Ästhet*innen. Alles glattbügeln bitte. Wir wollen keine Kanten, keine Tiefe, keinen Standpunkt oder Parteinahme. Bitte keine Störungen. Nur hübsches Diskursgeschwurbel, bitte. Danke! Auf der anderen Seite plustern sich die Verteidiger*innen einer vermeintlich schützenswerten toitschen Kulturlandschaft auf, die doch nur ein elitärer Haufen ist, ein Hofstaat im besten Falle gutgesinnter Privilegierter, die ihre eigenen Neurosen auf den Stadttheater-Bühnen therapieren dürfen. So, jetzt hab ich es denen aber gegeben! Hah!

Jetzt wundert ihr euch wahrscheinlich und fragt, was hat der denn bloß? Der ist doch sonst so ein netter Zeitgenosse und kann keiner Fliege was zuleide tun. Ausgenommen ein*e einzelne*r Frankfurter*in mag da anderer Meinung sein. Aber lassen wir das. Das ist eine ganz andere Geschichte… Ich pöbel hier gegen das Feuilleton. Insbesondere das des neuen deutschland. Denn dort ist ein Streit über die Schauspiele entbrannt. Ein gewisser Christian Baron will endlich wieder kritisches Theater und Gunnar Decker will die Bühnen retten. Ersterer pöbelt gegen das postdramatische Wischiwaschi, das alles und nix is, gegen die Reproduktion des Immerwiedergleichlangweiligen, des Goutieren von traurigen Bürgerskindern, die endlich mal auch mal „Prolet“ spielen wollen und so richtig laut rumschreien oder nackig rumrennen wollen. Der andere, der in seiner Erwiderung immer wieder betont, wie alt er doch ist und daß er früher, als er noch ein kleiner Junge war, auch so manchen Fehler gemacht hat, und der offenbar ständig an jedem Provinztheater der ehemaligen DDR zu Gast ist, also dieser alte besserwisserische Griesgram will den „Kulturinfarkt“ verhindern. Er will die Stadttheater vor dem Quotendruck retten. Sie sollen frei sein! Wie damals vielleicht, als Frank Castorf noch Anklam unsicher machte, Heiner Müller das Berliner Ensemble rockte… Ja früher. Da war alles… Ach! So ein Blödsinn. Und zwar von beiden!

Während der eine zu Recht rumheult, daß nur noch das längst marginalisierte Bildungsbürgertum ins Theater geht und sich die Subventionen unter den Nagel reißt, glaubt der andere doch tatsächlich den Stadttheater-Hofstaat und ihr Abonnent*innen-Publikum vor dem Angriff der neoliberalen Nihilist*innen retten zu müssen. Erschreckend wird es, daß beide Positionen eigentlich nichts miteinander zu tun haben, weil sie sich mit verschiedenen Theatermodellen beschäftigen und so zielsicher an einer ernst zunehmenden Debatte vorbeirauschen. Denn während Baron lediglich den Berliner ästhetischen Diskurs-Sample-Müll kritisiert, verteidigt Decker aus einer skurril anmutenden Loyalität heraus die sterbende Provinzkultur. Sie reden aneinander vorbei. Und sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht, um mal eine populäre Metapher zu nutzen. Denn am Ende beschäftigen sich beide doch nur mit Bürgerlichem Theater. Also einer Idee vom Schauspiel, daß schon zu seiner Entstehungszeit moralinsauer, ideologisch überfrachtet und vor allem aggressiv reaktionär war. Obwohl, Baron pöbelt auch gegen offene Projekte wie das Rimini Protokoll, daß mit Karl Marx. Das Kapital. Erster Band, Hauptversammlung, wo Zuschauer*innen die Hauptversammlung von Daimler Benz als Theateraufführung angeschaut haben, Hermann Battle, wo es um asymmetrische Kriegsführung ging usw. politische Akzente setzen konnte. Diese Kritik nehme ich ihm richtig übel. Aber jut… Auf jeden Fall erscheinen beide auf ihre Art antiquiert. Da sie an der stehenden Bühne festhalten. Die ist aber längst nur noch eine Institution für Privilegierte.

Theater, vor allem kritisch kantiges, kaputt geniales und ekstatisch kathartisches findet ganz woanders statt. Politisch relevant ist es zum Beispiel in der Clowns Army, die gar nicht nett die Machtfrage stellt, in dem sie die Sicherheitsbeamt*innen imitiert, lächerlich macht, sie düpiert, mit ihnen spielt, also, wenn mensch will, sie karnevalesk diskursiv zerstückelt. Auch der so böse Schwarze Block ist eine performative Inszenierung der Störung. Die Ästhetik kommt dabei genauso wenig zu kurz, wie die politische Intervention. Die Repression und Kriminalisierung, die vermeintliche Mitglieder dieses ominösen schwarzen Blocks zu befürchten haben, beweisen ebenfalls welche Kraft und Diskursgewalt in dieser temporären Aufführung steckt. Aber so richtig krass theatral wird es beim Fußball! Und zu dieser Performance zieht es Zehntausende. An diesem Schauspiel beteiligen sich bürgerliche Privilegierte, Arbeiter*innen, Angestellte, Beamt*innen, marginalisierte Menschen, Aktivist*innen, Nationalist*innen und so manch andere zwielichtige Typen, die alle ihre Rolle spielen.

In diesem Spektakel im Stadion und drumherum – denn die ganze Welt ist längst ein Ort spektakulärer Inszenierungen auf allen Ebenen, wie es die Situationist*innen bereits vor Jahrzehnten wußten – sind die aktiven Fans die performativsten Akteur*innen. Sie liefern an jedem Wochenende eine furiose Ultra-Performance nach der anderen. Sie erleben die genialsten Momente des Jammerns und Schauderns. Auf jeden Fall sind sie es, die Katharsis suchen und auch geben. Ich erinnere an dieser Stelle an das mitleiderregende Ringen der Fans des FC Genoa mit ihrem Team. Sie hatten einen Spielabbruch provoziert, dann die Trikots eingefordert und erhalten sowie schließlich nach einer tränenreichen Debatte sie doch den Spieler*innen zurückgegeben, so daß am Ende die Partie doch noch beendet werden konnte. Die Beteiligten an dem Spektakel im Stadion sind Chor, Schauspieler*innen und befreites Publikum zugleich. Vielleicht sind sie das, was die Avantgardist*innen sich erträumt haben. Und sie führen an jedem Wochenende dieses krasse Schauspiel in den verschiedensten Variationen auf!

Also: Wozu kritisches Theater in diesen nach dem Geist der alten Zeit stinkenden bürgerlichen Kulturtempeln und den protestantisch humorlosen Provinzbühnen. Es braucht mehr Ultra-Performance! Überall!

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