Das jüdische Livorno

In Livorno existiert bis heute eine lebendige jüdische Kultur. Manche Gäste behaupten sogar, daß sie sehr viel enthusiastischer, offener und vor allem jünger ist als in den großen jüdischen Gemeinden in Rom und Venedig.

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Italien ist relativ jung. Sie beginnt im 16. Jahrhundert. Die Medici wollten den Hafen von Livorno als Handelszentrum ausbauen und versuchten Menschen verschiedener Nationen in die Stadt zu locken. Am offensivsten war hierbei der Kardinal und Großherzog der Toskana Leopold der I. (1549-1609). Er erließ das Toleranzedikt „Leggi livornine“ oder auch „Constituzione Livornina“ genannt. Händler*innen und Zuwander*innen hatten die Möglichkeit sich in Livorno frei und unreglementiert anzusiedeln. Es kamen europäische Migrant*innen, religiöse Flüchtlinge und Zuwander*innen aus dem Nahen Osten. Sie wohnten in der ganzen Stadt, bauten ihre eigenen Kulturzentren und organisierten sich institutionell in sogenannten „nazioni“. Die sephardischen Jüd*innen, die aus Spanien und Portugal geflüchtet waren, wurden schnell zur größten „Nation“ in Livorno. Die jüdische Gemeinde der Stadt wuchs in wenigen Jahrzehnten rasant an. Lebten am Ende des 16. Jahrhunderts noch etwas mehr als 100 jüdische Menschen in Livorno, waren es ein Jahrhundert später schon 3.000 und am Ende des 18. Jahrhunderts bereits 5.000 Jüd*innen. Diese Entwicklung war die Folge einer offensiven und beispiellosen Freizügigkeit. Ihnen wurde schon 1597 erlaubt eine selbstverwaltete zivile und strafrechtliche Gerichtsbarkeit einzurichten sowie eigene Steuern zu erheben. Jüdische Livornes* erhielten die volle (Staats-)Bürgerschaft und die damit einhergehenden Rechte. Sie durften Pferde besitzen, Waffen tragen, Häuser kaufen, Geschäfte eröffnen und an den toskanischen Universitäten in Pisa sowie in Florenz studieren. Sie mußten nicht, wie in anderen europäischen Städten, in Ghettos leben. Und so entwickelte sich in Livorno ein besonders lebendiges, religiöses und kulturelles jüdisches Leben.

Die Bedeutung und der Einfluß der jüdischen „Nation“ auf die Gesellschaft in Livorno waren enorm. Jüdische Livornes* hatten sich neben dem üblichen Leihgeschäft auf die Verarbeitung von Korallen spezialisiert. Die daraus entstehenden kunsthandwerklichen und rituellen Produkte wurden nach Russland und Indien exportiert. Außerdem dominierten sie die Seifen- und Papierproduktion sowie die Zuckerindustrie und Weindestillation. Später wurde von Jüd*innen das Glashandwerk und die Textilindustrie nach Livorno gebracht. Der Handel mit den anderen mediterranen Regionen in Nordafrika, dem Nahen Osten und selbstverständlich mit Europa profitierte ebenfalls vom großen Netzwerk der jüdischen Diaspora. Die Invasion der französischen Republikaner*innen im Jahr 1796 unter Napoleon und die Einführung des „Code Civile“, der für viele andere Europäer*innen neue Rechte bedeutete, beendete in Livorno die Freizügigkeit und verschlechterte die Situation für die jüdische Bevölkerung. Die Selbstverwaltung wurde abgeschafft sowie die bürgerlichen Rechte und Privilegien eingeschränkt. Dies führte zu einem Exodus der livorneser Jüd*innen, so daß sich die jüdische Einwohner*innen-Zahl in Livorno bis zum Ende des 19. Jahrhunderts halbierte.

Das religiöse Leben in Livorno war und ist bis heute sehr lebendig und aktiv. Die erste Synagoge wurde im Jahr 1603 unweit des Hafens gebaut und erst während alliierter Bombenangriffe auf die (kriegs-)wichtige Hafen- und Industriestadt wie neunzig Prozent von Livorno weitestgehend zerstört. Der Bau eines neuen Gotteshauses an alter Stelle begann 1958 und dauerte bis 1962. Die guten Kontakte in den Nahen Osten sowie zu den anderen Handelszentren Amsterdam und London machten die Stadt insbesondere seit der theologischen Kontroverse um die messianische Sekte von Schabbatai Zvi im 17. Jahrhundert zum Zentrum für jüdische Studien und die kabbalistische Mystik. Außerdem wurde schon früh eine religiöse Gerichtsbarkeit installiert, die an die lokale Talmud- und Torah-Schule angebunden war. Die theologischen und wissenschaftlichen Studien in Livorno profitierten hierbei von einer lebendigen jüdischen Buchdruckkunst in der Stadt, die für die Verbreitung liturgischer Bücher in Nordafrika und im Osmanischen Reich sorgte. Selbst die sakrale Musik aus Livorno war in Europa durchaus bekannt und populär.

Vor Beginn des Zweiten Weltkrieges lebten circa 2.000 Jüd*innen in der Stadt. Um die sechzig jüdische Livornes* wurden in Todeslager deportiert. Andere starben in den Bergen bei Massakern von faschistischen Garden oder Nazis. Wenige kämpften zusammen mit anderen Partisan*innen und wurden getötet. Den Krieg und die Shoa überlebten etwa 1.000 jüdische Einwohner*innen, welche die Stadt aber in Richtung Frankreich verließen. Heute gibt es noch circa 600 jüdische Menschen in Livorno. Die meisten sind in der Stadt geboren. Nach der Revolution in Libyen in den 60er Jahren, die vom damaligen Oberst Muammar al-Gaddafi angeführt wurde, kamen weitere Jüd*innen nach Livorno.

Die Gemeinde in Livorno tritt nach außen kaum in Erscheinung. Dennoch scheint sie, wie Robert W. Case in einem Bericht über das jüdische Leben in der Stadt beschreibt, eine der aktivsten und vor allem erfrischend jüngsten in Italien zu sein. Wer sich besser über das jüdische Livorno informieren und zum Beispiel die große Synagoge, die Jeshiva samt kleinem Museum oder das Geburtshaus des berühmten Malers Amedeo Modigliani anschauen möchte, sollte sich frühzeitig per e-Mail anmelden.

Synagogue of Livorno
Piazza Benamozegh 1
zwischen Via Grande and Via Cairoli
Tel. +(39) 0586 896290
e-Mail: comunitaebraica.livorno@gmail.com

Museum Yeshivà Marini museum
Via Micali 21.
Bei Interesse an Führungen bitte Gilda von Amaranta Service kontaktieren unter amarantaservice@virgilio.it

Modigliani’s Birthplace
Bei Interesse an Führungen bitte Gilda von Amaranta Service kontaktieren unter amarantaservice@virglilio.it