Tatsächlich mittendrin, statt nur dabei!

Gestern war es endlich soweit. Am Freitag abend stand endlich das erste Flutlichtspiel im KarLi an. Das erste Abendspiel der aktuellen Saison und gleichzeitig die letzte Partie vor der Winterpause.

Nach Wochen Abstinenz im Blauweißen Mob hatte ich mich schon seit Tagen mächtig auf den gestrigen Abend gefreut. Endlich wieder mal Fußball live – ohne Ticker, nicht mehr nur beim Videotext zittern, sondern mittendrin in’ner Kurve. Und das angekündigte Dreckswetter interessierte mich einen Scheiß! Es hätte auch kübelweise Zimt regnen können – ich haße Zimt – ich wär‘ auf jeden Fall dabei gewesen. Und es hat sich wirklich gelohnt!

Wir waren ja scho’mal vor Jahren bei Dreckswetter in der Nordkurve. Lang ist’s her und richtig gute Erinnerungen hab ich an diesen Nachmittag nicht. Es muß noch zu Oberliga Zeiten gewesen sein. Der SVB versuchte schon mehrere Spielzeiten immer wieder ernsthaft in die Regionalliga aufzusteigen, scheiterte aber jedesmal grandios an einer grottenschlechten Rückrunde. Am Ende hat es ja dann doch noch geklappt und heute schicken sich die Babelsberger*innen an aufzusteigen. Damals war’n wir kurvenmäßig noch anderweitig unterwegs, wollten aber unbedingt seh’n, was so in Babelsberg lief. Und es nieselte an dem Tag. Bei kühlen Temperaturen schleppten wir uns vom Bahnhof durch die grauen Straßen ins KarLi. An der Bratwurst-Bude am Eingang futterten neben uns im Matsch Thor Steinar Pack ihre Wurscht. Keinen Menschen schien zu interessieren, daß sich’s hier Nazi-Arschlöcher gut geh’n ließen. Da hieß es bloß weg. In’ner Nordkurve angekommen, sah’s schon sehr viel angenehmer aus. Ein kompakter, aber an diesem dunklen Nachmittag etwas unmotivierter Block versuchte die müde bolzenden Zweiundzwanzig auf dem Rasen zu unterstützen. Damals hat uns mächtig genervt, daß der werte Herr Vorsänger meinte die eigene Meute durch übles Gepöbel und Beschimpfungen motivieren zu können. Nich‘ schön. Bloß gut, daß sich das gelegt hat. Auch Zaunkönig*innen werden eben älter. Aber lassen wir die alten Geschichten…

Gestern war dann doch alles anders. Das Wetter war deutlich schlechter – damals gab’s nur Regen, diesmal Niesel, Schauer, Sturm, Graupel usw. Die Lichtverhältnisse dagegen gefiel’n mir deutlich besser. Es ist schon ein Erlebnis aus der Dunkelheit ins hell erleuchtete Stadion zu kommen. Das Dreckswetter, was mich sowieso den ganzen Tag schon nich‘ interessiert hat und lediglich meine Kleiderauswahl bestimmte, war sofort vergessen. Bei solch einem Anblick kann mensch nur lächeln – was ’ne Schönheit. Und was ’ne Vorfreude auf die Leute in’ner Kurve! Licht, Alta, überall!

Die Nordkurve war, wie zu erwarten war, recht spärlich bevölkert. Im Ostblock drängten sich dagegen die Menschen. Viele, die sonst in der Gegengrade steh’n, flüchteten ob des Grottenwetter unters Dach. In’ner Nordkurve blieben einige Wackere, denen Regen, Sturm und Eis am Arsch vorbei gingen. Der Block des FI ’99 stand eng beieinander und recht kompakt. Und er war schon ’ne Viertel Stunde vor’m Spiel gut besetzt und machte ordentlich Stimmung. Beim Einlauf der Mann*schaften explodierte die Stimmung. Ein paar standhafte Fahnen wehten im Wind. Am Zaun leuchtete es fröhlich. Und jede*r sang! Der Hammer! Wie mir zugetragen wurde, machte die Anfangschoreo auch von Außen Gänsehaut. Erst der Herzschlag, der immer schneller wird, dann die Melodie und zum Einmarsch leuchtet es in der Nordkurve. Perfektes Timing!

Die Gäste zündelten ebenfalls ein bißchen und ließen so ihren Emotionen freien Lauf. Eine kleine Schar ostbayerischen Power-Ultras hatte sich auf den Weg gemacht und veranstaltete früh und recht ordentlich Remmidemmi in der Gästekurve. Viel gesehen hab ich von ihrer Pyroshow allerdings nich‘, aber die Bilder seh’n ganz schick aus. Der Ostblock war nich‘ so entflammt und zeigte stattdessen gewohnt traditionsbewußt eine riesige Rote Fahne mit Hammer und Sichel drauf. Was das genau sollte, hab ich nich‘ verstanden. Aber gut, wir woll’n ma‘ nich‘ so sein…

Die zweiundzwanzig Sportler*innen auf dem Rasen ließen sich bei diesem feurigen Empfang übrigens nich‘ lange bitten und lieferten auf beiden Seiten eine ordentliche Leistung ab. Als ob es weder regnen noch stürmen würden, suchten beide Mann*schaften das Spiel nach vorne. Das Jahn Regensburg so selbstbewußt auftreten würde, war nicht sonderlich erstaunlich, schließlich steh’n sie nicht unverdient an der Spitze. Aber auch die Babelsberger*innen ließen sich nicht lumpen. Aus einer sturmsicheren Abwehr, die ich in dieser Saison noch nie so geschlossen und konzentriert gesehen habe, kamen sie immer wieder gefährlich vor’s Tor der Gäste aus Bayern. Genützt hat es aber wenig.

Auf der anderen Seite kam aber auch der Tabellenerste nicht sonderlich erfolgreich voran. Szenen im Strafraum war’n Mangelware. Die Abwehr der Babelsberger*innen hielt. Und die Regensburger*innen machten nich‘ gerade den Eindruck, daß sie unbedingt drei Punkte aus’m KarLi mitnehmen wollten. Dementsprechend dominierten Kombinationen und Spielzüge im Mittelfeld, was sportagenturgeschulte Sprachvirtuos*innen gerne einen „offenen Schlagabtausch“ nennen. Ich distanziere mich hiermit von solch einem Vokabular, nämlich um ein ultràvitales Zeichen gegen den Drecks-SID, ScheißSport1, den Kicker, die unkreativen Sportjournalist*innen usw. zu setzen… ’schuldigung, wollt ich schon immer mal loswerden.

In der ersten Hälfte war es eine recht ausgeglichene Partie. In der zweiten Hälfte sah’s dann schon etwas anders aus. Spätestens nach circa sechzig Minuten gewann der SVB Vorteile. Die Gäste schienen aufgegeben zu haben. Gefährlicher für die Babelsberger*innen wurde es nur um die 70. Minute. Die Regensburger*innen liefen einige Konter, die allerdings sämtlichst entschärft werden konnten. Auch später gab’s nie ernsthafte Probleme. Der SVB begann zum Ende hin aber immer überlegender zu drücken. So richtig entspannt spielten die Blauweißen dennoch nich‘ nach vorne. Da war der Respekt wohl doch zu groß. Kurz, es war ein spannendes Unentschieden mit Vorteilen für Nulldrei.

Die Stimmung in den Kurven war deshalb recht gut. Im Ostblock gab es des öfteren Gehüpfe zu sehen. Die Ultras aus Regensburg machten ordentlich Alarm. Ihr Fahneneinsatz war vor allem in der ersten Hälfte schön anzusehen. Von ihrem Gesang war allerdings nich‘ so viel zu hören. Das kann aber auch daran gelegen haben, daß es in der Nordkurve laut war. Trotz Dreckswetter, das wie schon geschrieben die wenigsten in der Nordkurve so richtig interessiert hat, sang der gesamte Block bis zu den Rändern. Ohne Fahnen ging’s auch einfacher mit dem Händchen-in-die-Höh‘ und dem Klatschen. Ein Gruß per Tapete an den Jubilar Alme Civa mußte dann aber schon sein. Der bedankte sich nach dem Spiel übrigens persönlich und laut.

Das Mann*schaft und Fans eine Einheit sind, konnte übrigens eindrucksvoll anhand der Gäste aus Ostbayern beobachtet werden. Circa zwanzig Minuten vor Ende stellten die elf Regensburger*innen ihre Bemühen zum Dreipunktgewinn nahezu ein. Auffällig blieb lediglich der hervorragende Mime Tobias Schweinsteiger, der in einer spektakulären Performance nach einem Handspiel sich Minuten auf dem Rasen rumkugelte und dann doch wieder topfit die letzten Konterversuche startete. Er war aber der einzige, der noch etwas gegen das Remis tat. Selbst die Ultras stellten ihren Support gleichzeitig mit der Aufgabe der Profis ein. Beeindruckend dieser Gleichklang. Wirklich!

Und jetz‘ noch zu wat ganz anderem. Weil wir’s gestern auch wieder im Ultra Unfug gelesen und selbst intern schon mobilisiert haben, möchten wir auch an dieser Stelle nochmal auf die Veranstaltungsreihe „Erinnern“ aufmerksam machen. Mit Filmvorführungen der Dokumentation „Liebt mich, bitte“ über das Leben, das Engagement und den Tod der antifaschistischen Journalistin Anastasija Baburova im Spartacus in Potsdam und im Moviemento in Berlin sowie mit einer Infoveranstaltung über Nationalismus in Russland soll an die Ermordung des Menschenrechtsanwalt Stanislav Markelov und an die schon erwähnte Nastja Baburova am 19. Januar 2009 erinnert werden. Also, geht zu den Veranstaltungen vom 16.-19. Januar im nächsten Jahren. Und achtet ein bißchen auf weitere Ankündigungen auf der Blog der Gruppe 19. Januar und solidarisiert euch mit den Genoss_innen in Russland.

Bilder vom Spiel gibt’s hier

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