„We are Talco – from Berlin!“

Nach einem netten Nachmittag im Karli, mit fröhlichem Gesang – ob nun mit oder ohne Vorsänger – einem Scheiß Spiel, aber massenhaft gelbe und rote Karten, gab’s am Abend Kultur. Nachdenklich, berührend und erstaunlich differenziert diskutierten Herthaner*innen bei einer Lesung des Buches „Tifare Contro“ mit Giovanni Francesio, Kai Tippmann, Domenico Mungo, Jonas Gabler und „Fossa“ von den Harlekins. Darüber aber gesondert mehr. Hier und jetzt soll es um das geniale Konzert von Talco im SO36 gehen.

Das SO war schon proppen voll als wir ankamen. Die Dreadnoughts, die zweite Vorband, hatte schon begonnen zu spielen und heizte den Anwesenden ordentlich mit ihrem keltischen Polka-Rock ein. Nicht wenige waren sichtlich erstaunt über die Kanadier*innen. Die Älteren fühlten sich an die besten Pogues Zeiten erinnert, die allerdings schon seit Jahrzehnten vorbei sind. Ein Vergleich mit den Dropkick Murphys ist aber auch drin. So schnell, laut und hemmungslos, wie die Kanadierer*innen spielten.

Was allerdings mächtig genervt hat, war die sexistische Scheiße, die von der Bühne kam. Ständig sollte irgendwer gefickt werden. Das Publikum wurde international herabgewürdigt und beschimpft. Dieser Sexismus hat uns die doch ganz gute Musik mächtig verdorben. Aber, wer in Punkto Sexismus und a-soziale Beschimpfungen weniger empfindlich ist, dem sei ein Konzertbesuch auf jeden Fall empfohlen. Die Platten hören, ist auch nicht schlecht, beim Konzert legen die Dreadnoughts aber noch einen drauf.

Nach der (sexistischen) Vulgärpolka warteten wir sehnsüchtig auf die italienischen Anti-Mafia Musiker*innen. Das Konzert von Talco begann mit einem Einspieler einer Sendung von Peppino Impastato. Seine Stimme, sein Widerstand und sein Tod bildete das inhaltliche Gerüst der Tracklist. Dabei wurde darauf geachtet nicht nur von ihm zu erzählen, sondern ihn wieder lebendig werden zu lassen.

Giuseppe Impastato wurde am 5. Januar 1948 in Cinisi, nahe Palermo als Sohn eines Mafioso geboren. Peppino wehrte sich früh gegen die Mafia und stellte sich damit gegen die „Famiglia“. Er betrieb den freien Sender “Radio Aut” und enthüllte offen die Verbrechen und Geschäfte der örtlichen Mafiosi. Damit machte er sich beim lokalen Cosa Nostra Paten Gaetano „Tano“ Badalamenti unbeliebt, der nur 100 Schritte von Impastatos Haus entfernt wohnte. Am 9. Mai 1978 wurde Peppino Impastato in wahrsten Sinne des Wortes von einer Mafiabombe zerfetzt.

Nach dem Einspieler ging’s schon kräftig los. Die Jungs verausgabten sich. Das Publikum, angeheizt von der keltischen Polka, rastete völlig aus. Gerade an der Bühne war es schwer nicht zu springen. Gab’s bei den Vorbands noch ein bißchen Platz entspannt der Musik zu lauschen, war der das spätestens bei den ersten Akkorden von Talco vorbei. Das ganze SO rockte.

Zu Beginn zeigte Talco übrigens, daß nicht das bürgerliche Bella Ciao – was aber dennoch zweimal gespielt wurde – ihr Motto lieferte, sondern der von der Mafia ermordete Impastato und die kommunistischen Partigian*. Sie spielten die Hymne der rebellischen antifaschistischen Partisan*innen Fischia il vento. Danach folgten die bekannten Songs. Ganz besonders gerne erinnere ich mich an Tortuga und Tarantella dell’ultimo Bandito. Die ruhige Anklage Perduto Maggio, vom neuen Album, war als Verschnaufpause für die Band und das Publikum sowohl körperlich als auch „intellektuell“ wichtig.

Nach circa 1 ¾ Stunde war es vorbei. Talco machte bei der Vorstellung der Band der Stadt noch ein ganz besonderes Kompliment. Dachten die meisten St. Pauli – der Kiez und die Mannschaft – wäre der spezielle Liebling der Italiener*innen, gestanden sie, daß sie sich in Berlin ganz besonders wohl fühlen. Dema sprach davon, daß sie Berlin als ihre (zweite) Heimat begreifen. Deshalb stellte er die Band mit folgenden Worten vor: We are Talco from Berlin!

Also, es war ein super Abend – ein tolles Konzert, wichtige Inhalte. Ein Kompliment an die Band und das Publikum. Wir sehen uns bestimmt bald wieder!

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