Unterwegs als Gast der Gäste und mehr

Was für ein Wochenende! War alles dabei – Freude, Freunde, Ausgelassenheit und ganz viel Spaß, aber eben auch Streß mit Schutzmenschen, dämliche Ordner*innen und grenzenlose Enttäuschung. Dialektik pur, würd‘ ich sag’n.

Los ging’s am Samstag morgen. Sieben Uhr aufsteh’n, Wasser ins Gesicht, ’nen Caffe rin und ab zum Alex. Dort waren wir viel zu früh. Also, hatten wir noch ’ne Weile Zeit wach(er) zu werden und uns die performativen Macken der Reisenden zu nachtschlafener Zeit anzuschau’n – inklusive ummotiviertem Rumschwanken, Fahrrad auf der Schulter tragen und Rollköfferchen hinter sich her ziehen. Soweit so amüsant. Ärgerlicher war’s dann schon, als ein*e Dynamo mit fettem BFC Tattoo auf der Wade auftauchte. Der verschwand dann plötzlich ganz schnell, als der Regionalexpress einfuhr…

Die Reise nach Cottbus verlief relativ ruhig. Die Ultras St. Pauli chillten gemütlich. Die mitgefahrenen Babelsberger Ultras machten es ihnen nach. Nur ein kleiner Schutzmensch, offensichtlich durch eine unbekannte chemische Substanz gedopt, störte die entspannte Atmosphäre. Kurz vor der Einfahrt in die häßlichste Brandenburger Stadt fiel ihm plötzlich ein, daß er doch mal durch das völlig überfüllte Abteil marschieren müßte. Weit is‘ er nich gekommen. Wollte er auch gar nich‘. Provokation und Einsacken schien sein Plan zu sein. Damit der Schutzmensch auch wirklich zufrieden wieder abziehen konnte, mußte er zunächst ma‘ schön grunzen, Menschen durch die Gegend schupsen und abführ’n. Völlig unnötig diese Aktion. Hintergrund waren übrigens, was der kommunikationsunfähige Schutzmensch partout nich‘ artikulieren konnte, Schuhe auf den Sitzpolstern… Das Ansagespielchen ging am Bahnhof übrigens weiter. Da texten die Bundespolizist*innen auf deutsch Gäste voll, die kein Wort davon versteh’n. So sind’se halt, die deutschen Schutzmenschen. Hauptsache ’ne Ansage gemacht! Auch wenn’se nich‘ interessiert oder erst gar nicht verstanden wird.

Am Stadion angekommen, hieß es erstma‘ warten. Und zwar auf die Kiezkieker*innen und die im Bus anreisenden St. Paulianer*innen. Nach circa ’ner Stunde kamen dann erst die Spieler*innen und dann sechs Busse mit Fans an. Angesichts der Antifa-Demo in Rostock zum Jahrestag der Pogrome in Lichtenhagen waren das schon ’ne Menge. Dementsprechend voll waren auch die Gästesektoren. Also, kurz noch schnacken, zum Beispiel mit ’nem Genossen aus Rom vom Palestra Popolare Valerio Verbano zu dem Lenny Bottai aus Livorno hervorragende Beziehungen hat, und ab in die Cottbusser Blechbüchse. Vorher mußten allerdings noch die schikanösen Kontrollen passiert werden. Da hieß es Luftballons abgeben, ins Portmonaie kuck’n lassen (offenbar wegen Aufklebern, wie ich später erfahren habe) Schuhe auszieh’n für alle und irgend wann doch rein… Drinnen gab’s dann den entsprechenden Soundtrack für die Polizei- und Sicherheitsdienstwillkür, der gerne und lautstark aufgenommen wurde.

Laut und kreativ ging’s auch weiter. Zu erst gab’s ein wenig Streß, weil sich Ordner*innen an dem Diffidati Banner zu schaffen machten. Es soll die Sponsor*innen-Bande des Tropical Island verdeckt haben. Die Sache beruhigte sich dann aber auch schnell wieder. In die Partie ging’s mit dem bekannten und allseits beliebten „Aux Armes“. Danach wurden Paulianer Evergreens intoniert. Die zweite Hälfte startete mit dem Ultrà Sankt Pauli und Filmstadtinferno Liebeslied über das Wind und das Meer… Die chorische Performance hat mir sehr gefallen. Die Lieder wurden über Minuten weitergetragen, brandeten auf und beruhigten sich auch ma‘ wieder, allerdings nur um noch lauter wieder loszustürmen. Vom Fahneneinsatz sah’s eher mau aus. In den letzten zwei Jahren gab’s davon deutlich mehr. War aber wie immer ein Vergnügen im Paulianer*innen Stimmungsblock.

Nur ärgerlich muß mensch aber das Spiel der Braunweißen auf dem Rasen bezeichnen. So was schlechtes hab ich noch nie gesehen. Die Paulianer*innen auf dem Rasen müssen sich die Ohren verklebt haben. Anders kann ich mir die Leidenschafts- und absolute Ideenlosigkeit nich‘ erklären. Grauenhaft, das Gekicke! Und auch die Cottbusser*innen war’n nich minder schlecht. Die in der Anfangsshow auf dem Rasen so peinlich animierte Nordwand – jaja, die Anfangschoreos in Cottbus sind immer gleich und finden auf dem grün Gestoppelten statt – die eher’n Schalwedelverein is‘, machte nur wenig Alarm. Bei uns war’n die kaum zu hören. Dafür aber zu sehen. Vor allem das Banner des eigentlich mit Betätigungsverbot belegten Inferno Cottbus erstaunte mich. Aber auch die Entfernung dieses Banners zu Ultima Raka gab zu denken. Aber jut, darüber muß ich mir nu‘ wirklich nich‘ den Kopf zerbrechen. Gibt Wichtigeres. Wie zum Beispiel Den Nazi-Aufmarsch in Potsdam am 15. September, der unbedingt verhindert werden muß!

Die Rückfahrt aus Cottbus nach Berlin verlief sehr ruhig. Kein Streß, nur abhängen. Und hochtrabende Gespräche über Brecht, poetischen Terrorismus und Ultrà führ’n… Also, wie immer! Am Sonntag wieder in die Bahn. Aber diesmal ging’s in Richtung Babelsberg! Zwölf Uhr stand der Kiezspaziergang an. Also, ’nen Cappucco geschlürft, Stulle inhaliert, schnell das Material im neuen Brigata Amaranto Beutel verstaut und ab zur U-Bahn… In Babelsberg angekommen warteten schon ’ne Menge Leute vor’m Bubbletea Laden. Aus unerfindlichen Gründen wurde der Treffpunkt offenbar spontan vom sonnigen Rathausvorplatz auf den schattigen Gehweg verlegt. Naja, war nich‘ weiter schlimm. Nur eben kühl…

Der Spaziergang durch die Sonne, mit ’nem ordentlich großen Mob lief so gegen halb eins los und machte nach Außen ordentlich Eindruck. War’n bestimmt 70 bis 80 Menschen. Supa! Nach ’nem kurzen Zwischenstopp im Fanladen ging’s dann auch gleich weiter in’ne Nordkurve. Diesmal standen wir (auf besonderen Wunsch) weiter in’ner Mitte des Stimmungsblocks und suchten den performativen Anteil des Supports zum kochen zu bringen. Hahaha… In der ersten Hälfte sah der übrigens sehr gut aus. Auch wenn der Vorsänger nich‘ zufrieden war, fand ich die Laustärke und Mitmachquote ordentlich. Besser geht’s selbstverständlich immer. Stimm- und Armeinsatz hat mich mehrmals sehr beeindruckt. Bei 14882 war der Refrain auf jeden Fall fett laut. Und das „Darum feiern wir“ kam ebenfalls ordentlich rüber. Der kahle Hallenser Anhang hatte keine Chance da irgendwas entgegen zu setzen. Der Block um die Zujezogenen, die Havel Pirat*innen und uns hat sich aber auch nach den brachial lauten Anfang ordentlich ins Zeug gelegt…

Der Gästeanhang benahm sich, wie zu erwarten war. Es würde gezündet, sexistisch und homophob gepöbelt. Irgendwas von Regierung hat die Saale Front ebenfalls von sich gegeben. Was mich aber etwas irritiert hat war, daß sich die am ganzen Kopf rassierten Hallenser*innen nach der Aufforderung zur gleichgeschlechtlichen Liebe gleich ma‘ nackig gemacht haben. Hm… Lag aber vielleicht auch an der kleinen Dusche von oben. Übrigens haben die Gäste lange ’nen geballten Support hinbekommen. Der Armeinsatz sah beeindruckend aus. Vor allem in der ersten Hälfte gab’s sichtbar ordentlich Dynamik im Block. Die Mitmachquote war recht gut. Aber mit dem Anpfiff zur zweiten Hälfte änderte sich das schlagartig. Der Support der HFC Fans brach in sich zusammen. Nach dem Führungstreffer für die Gäste wurde es noch schlechter. Circa nach ’ner halben Stunde war ganz Schluß mit dem Support. Erst nach Abpfiff wurde es für kurze Zeit nochmal lauter.

In ’ner Nordkurve sah’s in der zweiten Hälfte aber auch nich‘ viel besser aus. Der Schauer hat gar nicht gut gewirkt. Die Nordkurve wurde leiser und konnte sich auch nich‘ mehr richtig aufraffen. Ein weiterer Grund, neben den Wetterkapriolen, dürfte der fehlende Einsatz der Blauweißen auf dem Rasen gewesen sein. Es fehlte einfach der letzte Biß. Der Push aus der Kurve kam sichtlich nich‘ bei den Spieler*innen an. Die stolperten sich nach vorne, versuchten zwar was zu reißen, blieben aber vor allem in der zweiten Hälfte ideenlos. Den Strafraum betraten die Nulldreier*innen lediglich bei den Ecken. Von den Jünger*innen des Gesamtkonzepts kam viel zu wenig. Und wenn einfach nich‘ zu spüren is‘, daß die Babelsberger*innen auf dem Rasen bei jedem Spiel alles und noch mehr geben müssen, daß es für sie immer um Abstiegs-Kampf (!) gehen muß, dann verstummt auch schon ma‘ der Support. Leider!

Ich denke die Mensch*schaft muß langsam ma‘ kapieren, daß sie so schlecht nich‘ sind und – wenn sie mehr Aggressivität und Leidenschaft aufbieten würden – solche Spiele auch gewinnen können. Und zwar nich‘ einfach nur mit einem Tor, sondern haushoch. Und diese Leidenschaft und das Herz, was die Mensch*schaft zeigen soll, gehört im Übrigen auch in die Kurve. Wie gestern in der ersten Hälfte zu spüren war (und auch schon bei Spielen vorher) lebt das Potenzial für ’ne ausrastende Kurve auf jeden Fall in der Nord. Und wenn’s Scheiße läuft, hat mensch gefälligst noch engagierter zu sein. Laut und kreativ sein is‘ alles – egal ob bei Sonne, Regen oder Schnee! So! Das mußte mal gesagt werden!

Nach Abpiff ging’s dann gemeinsam zum Fanladen. Vorher wurde der Verbannte laut begrüßt und hochleben lassen. So muß’et sein! Dann nochma‘ auf’n Bier kurz in’n Fanladen. Wieder Schnack und relativ zeitig zurück nach Berlin. Diesmal haben wir nich‘ in Babelsberg gegessen, sondern beim Pizzaklub in Schöneberg. War sehr lecker und ’nen Perroni gab’s auch. Naja… War einfach ein schönes Wochenende – ein durch und durch dialektisches, wie schon oben beschrieben. Ma‘ kucken, wann sich so wat wiederholen läßt…

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