Wat’n Theater XIV – Mythen und Legenden

bbg_zwickauNOV14

So. Das letzte Spiel der Hinrunde steht an. Aber irgendwie is die Luft raus. Die großen Feiertage der Christ*innen und Jüd*innen stehen schon vor der Tür. Jeden Sonntag wird der Countdown um ein neues Licht ergänzt. Und mir fällt auch irgendwie nix mehr so richtig ein. Vielleicht is meine ganze Kreativität auf die zu besorgenden Weihnachtsgeschenke fokussiert. Wer weiß. Aber gut, daß es nette Menschen gibt, die dann doch den Gehirnmuskel in Gang bringen. Naja, so richtig pumpen tut er nich. Aber immerhin.

Also. Mein Lieblingsultra, der immer noch rank & schlank einem ganz neuen Lebensabschnitt entgegen segelt, wies mich nochmal darauf hin, dass auch negative Erlebnisse eine ganz ordentliche Erinnerung abgeben. Auch ein verpatzter Spieltag, an dem gar nix klappt und alles schiefgeht, kann ein nette Geschichte erzählen. Und seid ehrlich, neben den ganz besonderen Momenten, den ekstatischen und unerwarteten Begebenheiten, bleiben die ärgerlich versauten und blöd vergeigten Augenblicke, die Stunden, in den die Sekunden nur so dahin kriechen, weil mensch irgendwo rum gammelt und eigentlich ganz woanders sein will.. ja diese Scheißmomente bleiben ebenfalls unvergeßlich. Negatives muß eigentlich auch unvergessen sein. Denn die blöden Fehler, die eine*r irgendwann mal gemacht hat, sollen ja nich wiederholt werden. „Niemals wieder!“ gilt eben nicht nur für das wahrscheinlich größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte, sondern auch für die besonders dumm gelaufenen Vorfälle.

Und dann gibt es da noch die ganz großen Legenden und die noch größeren Mythen. Auch die dürfen nicht vergessen werden. Sie gerinnen dann zu einer Über-Erinnerung, die immer wieder neu, an besonderen Orten, möglichst in einem ähnlichen Formular wiederholt, oder besser, wieder erlebt werden wollen. Und wißt ihr was, das Theater ist der Ort an dem der Mythos und die Legenden zum Leben erweckt wurden. Die alten Griechen waren besonders gut darin Politik, Performance und religiösen Kultus zu verknüpfen. Die Stories der Gött*innen und ihrer menschlichen Gespiel*innen wirken oberflächlich betrachtet, wie eine Soap, in der jede Figur für eine besonders krasse Legende steht. Diese antiken Mythen scheren sich übrigens ein Dreck um die Wahrheit. Da verschwimmen die Grenzen zwischen dem Unbelebtem und den Lebenden. Da kann sich Zeus mal ganz locker in‘ Stier verwandeln und Europa entführen. Herkules macht zwölf krasse Arbeiten und wird doch nich glücklich. Der olle Ödipus is zwar clever, aber andererseits voll der Tyrann. Naja, ihr kennt das alles… Nich?! Die griechischen Bürger*innen waren da auf jeden Fall fitter. Und ihnen war offenbar egal, daß ihnen derselbe Mythos bei ihren politisch-religiösen Theaterfesten jede*r Autor*in dieselbe Geschichte anders erzählte.

Die zunehmende Säkularisierung brachte neue Mythen, neue wunderliche extraterrestrische Erzählungen vom Ursprung allen Lebens und neue Legenden vom Fortgang der Geschichte. Die wirkungsmächtigste Erfindung ist wahrscheinlich die Nation. Der Mythos einer jeden klingt dementsprechend eher nach einer gespiegelten Version der antiken Soap-Opera, die der rote Faden in der Kette von Legenden ist. Und umso blödsinniger die Legende, umso heftiger wird sie geglaubt. Kuckt euch mal diesen Wagner an, diesen toitschen Revolutionär, der 1848 mit Bakunin und anderen Legenden auf den Barrikaden stand und nur an deutsche Vereinsmeierei, Schwäne, die irgendwelche komischen Typen retten und immer wieder diesen ominösen Ring dachte, der Anfang und Ende vereint… Ach, Apropos Ring. Da fällt mir glatt der wahrscheinlich beeindruckendste moderne Mythos ein, der ebenfalls monarchistisch, pompös, blutig und messianisch eine Legendenperle an die nächste bindet. Nur im Mythos vom „Herr der Ringe“ is nix mehr übrig vom alten politisch-religiösen, vom performativen Anspruch der antiken Theatergründer*innen. Aus dem Mythos und den Legenden is einfach nur noch Spektakel geworden. Oder ist die moderne Gesellschaft vielleicht zum allumfassenden Mythos geronnen, in dem jede kleine Geschichte zur Legende werden muß. In dem die großen Mythen und Legenden längst im Stadion geschrieben werden… Hmm… Tja. Jetzt hab ich vergessen, wohin ich mit all dem eigentlich hin wollte. Naja… Bis zur nächsten Ultra Unfug Ausgabe fällt’s mit bestimmt wieder ein. Seid gespannt. Ich bin es auch!

Diese Kolumne erschien im Ultra Unfug zum Spiel gegen Nordhausen am 5. Dezember. Das Bild ist von der Choreo beim Zwickau Spiel und wurde bei Potsdam Vibes veröffentlicht. Wer sich die Choreo nochmal ankucken will, schaut sich folgendes Video mit mehr schönen Bewegtbildern der Nordkurve an.

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