… gestern kamen wir von überall!

Was für ’nen Abend. Endlich war es wieder soweit – Kurve, Flutlicht, Feuer und Emotionen. Das heißt, die fußballfreie Zeit ist endlich vorbei. Die Saison kann beginnen. Und zwar am nächsten Samstag mit ’ner Saisonauftaktauswärtsfahrt zu den sächsischen Pißboys mit dem ehemals so hübschen Namen. Doch der eigentliche Höhepunkt und Vorgeschmack für die bevorstehende Spielzeit war eigentlich schon gestern. Die Zecken aus dem Hamburger Kiez trafen auf die aus Babelsberg. Grandios! Kein Wunder also, daß die Biervorräte im Stadion und im Fanladen vorzeitig aufgebraucht war’n.

Schon seit Wochen hatte ich mich auf dieses Spiel gefreut. Die Wut und der bittere Beigeschmack bei der unsäglich schäbigen Trainerentlassung von Didi Demuth und das dämliche Gequatsche des Vorstands konnten mir nur kurz die Laune versau’n. Außerdem mußte unsere Erstausgabe von Diario di Dario fertig werden und unter die Leute gebracht werd’n. Das kanalysierte ein bißchen die brodelnde Glut… Auf jeden Fall hab ich schon Tage vor dem Spiel jede*n angehau’n, er soll mitkommen, daß es das Spiel des Jahres würde und sowieso die beiden symphatischsten Kurven Deutschlands, ach was der ganzen Welt aufeinander treffen würden. Die letzten Tage vor dem Spiel war ich dann nur noch auf das Spiel fixiert und total aufgeregt. Und die Nervösität wurde nicht weniger, bis ich endlich in’ner Kurve stand.

Für den großen Abend hatte ich morgens schon schick gemacht. Rasieren, Haar richten, Parfüm ruff – was ich sonst ganz selten mache, schließlich will mensch diesen Feiertag ja auch durch kleine Details zu einem ganz besonderen Tag machen – dann noch Material zusammensuchen und erstmal raus zur Arbeit. Dann noch irgendwie die sechs Stunden mit Hummeln im Arsch rumkriegen und ab in die S-Bahn. Die fuhr sogar pünktlich, also meine Bahn. Die andere, die norddeutsche Freund*innen mitbringen sollte, fiel einfach mal aus. Also, kurz warten und zusammen ab in den Westen an den Rand zu Berlins geilsten Fußballverein.

In Babelsberg angekommen dacht‘ ich erst, ich wär bei der Fahrt irgendwie in ’ner Zeitschleife gelandet und in der Vergangenheit zum Spiel gegen Chemnitz ausgestiegen. Das standen doch tatsächlich Bereitschaftspolizist*innen auf’m Bahnsteig rum und beäugten skeptisch den harmlosen Mob. Draußen standen zu meiner Überraschung noch mehr Schutzmenschen rum. Sogar die zivil getarnten aber weit weit identifizierbaren Schnüffelbeamt*innen war’n auch da. Völlig unnötig diese Präsenz. Aber jut… Wir haben uns nicht stören lassen. Sind duch den Nieselregen zum Fanladen, Geschenke und Briefumschläge abhol’n und ab auf’s Fest.

Der Regen blieb erstma‘, verdunstete dann aber zunehmend mit fortschreitender Zeit. Bis zum Spielbeginn war’n die Wolken ganz aufgerissen und so blieb es bis zum Abpfiff und darüber hinaus. Auf dem Fest selbst war einiges los. Die Stände war’n gut besucht. Beim FI’99 gab’s die versprochenen schicken Alerta! Network Shirts und künstlerisch verschönerte Soli-Platten. Am selben Stand hatten die Minsker Partisan*innen ihr brandneues und zum Teil in belorussischen Stadien verbotenen Merch dabei – dort ist nämlich jede politische Meinungsäußerung, wie der positive Bezug auf antirassistisches und antifaschistisches Engagement, untersagt. Nach ’nen bißchen Klön mit den Minsker*innen ging’s dann ab ins Stadion.

Am Eingang ging’s recht fix. Kontrollen? Fehlanzeige – wozu auch. Tickets zeigen und rein. Wieder ein paar Gespräche und noch die letzten Organisationen und weiter. Diesmal hieß es für mich Fotos machen. So ’nen Abend im KarLi mußte einfach ordentlich dokumentiert werden. Und es sind wirklich sehr hübsche Bilder geworden. Weiter unten kann eine Auswahl begutachtet werden…

Die Kurven waren schon lange vor Anpfiff gut besetzt. Der Babelsberger Zuspäkommer*innen-Schlendrian war weit und breit nich‘ zu seh’n. Alle am mach’n, vorbereiten, Fahnen auspacken, Banner aufhängen, Megafone checken, Spruchbänder sortieren usw. Ich hab den Livornesi Schal aufgehängt und bin dann raus auf’n Rasen, Bilder machen!

Die erste Überraschung war, daß der liebenswürdige Sandmann des ersten FI’99 Banners Karl Liebknecht weichen mußte. Naja, sieht auch nich‘ schlecht aus… Die Zujezogenen hatten ihr Banner ebenfalls dabei. Gäste aus Italien machten auf den Kampf gegen die Schnellbahn durchs norditaliensche Val de Susa Tal aufmerksam. Später gab’s noch ’ne Tapete, die zur Solidarität mit den Gefangenen der Anti-G8 Prozesse 2002 in Genua aufriefen und auf die Aktion 10×100 (10 Jahre für 100 Gefangene) aufmerksam machten. Im Pufferblock hing das Banner der Kampagne Fußballfans gegen Homophobie, das Dresdner*innen mitgebracht hatten. Und der Gästeblock glänzte ebenfalls mit ansehnlichen Bannern. Sehr hübsch fand ich persönlich „Sankt Pauli Fans gegen Deutschland“ und den „Ostblock Sankt Pauli“…

Viel Zeit hatte ich aber nich‘ die Banner zu bewundern. Das Spiel stand kurz vor dem Anpfiff, die Mensch*schaften kamen raus und die Nordkurve präsentierte eine grandiose Anfangschoreo. Erst wurde eine riesen Blockfahne in braunweißrot an den Rändern und blauweiß im Zentrum hochgezogen. Es folgten zwei Banner – einmal mit der Aufschrift „Neuzehnhundertzehn“ als Hinweis auf das Gründungsjahr des Fußballclub Sankt Pauli und mit „Neuzehnhundertdrei“ das Gründungsjahr des SVB. Die Gästekurve ließ sich bei ihren Choreo etwas mehr Zeit. Über dem Spruchband „Babelsberg und Sankt Pauli sind so“ an der Werbebande näherten sich zwei Finder in den jeweiligen Vereinsfarben von links und rechts und berührten sich… Der absolute Hammer nach den Choreos war aber das gemeinsame „Aux Armes“. Obwohl ich gar nich‘ mittendrin stand hatte ich von der anderen Seite, vor der Tribüne bei diesem richtig lauten gemeinsamen Chor ’ne Gänsehaut. Und wo ich mich jetz‘ so dran erinnern und drüber schreibe ist dieses Wahnsinnsgefühl wieder da…

Danach ging’s supporttechnisch ordentlich weiter. Der Gästeblock ließ größere Fahnen wehen. Armeinsatz und Gesang war ebenfalls recht ordentlich. In der Nordkurve gab’s weniger Fahnen. Laut war’s da aber auch. Hätte selbstverständlich alles etwas euphorischer sein können. Die Mitmachquote war zumindest bei den Babelsberg*innen auch nich‘ grade hoch. Bei sovielen neuen Gesichtern und diesem Ausnahmespiel war dies aber auch nich‘ anders zu erwarten. Richtig laut wurde es dann aber doch noch mal. Zu Beginn der zweiten Hälfte leuchtete es fröhlich grell in beiden Kurven. Die Gästekurve legte mit Feuer los. In der Nordkurve folgten blauweißer Rauch und weißes Licht. Dann rauchte es auch bei den Sankt Paulianer*innen. Der Hammer, diese Show… Die nächsten Minuten war’s dann richtig laut. Die Norkurve sang für mindestens ’ne viertel Stunde ordentlich durch. Sankt Pauli zog nach oder machte mit.

Als ich dann wieder in der Kurve war, wurde es etwas ruhiger. Ärgerlich war lediglich der übermotivierte Security-Chefe, der doch tatsächlich versuchte Zündler*innen-Portraits zu machen und offenbar sexistisch rumprolletet haben soll. Aber auch dieses Intermezzo tat der guten Stimmung keinen Abbruch. Da das Bier im Stadion und bald auch im Fanladen leer war, zogen große Gruppen singend weiter ins Freiland. Der Kaisers am Bahnhof fuhr wahrscheinlich den fettesten Umsatz seit Jahren ein. Ich machte mich euphorisiert und müde auf den Weg nach Hause. Und jetzt gleich geht’s wieder nach Potsdam – zum Ultrash im Allgemeinen und zum Marxismus Seminar im Besonderen. Danach heißt es feiern.

Ach übrigens, bevor ich’s vergesse, Fußball wurde auch gespielt. Sankt Pauli hat 2:1 gewonnen und kann froh darüber sein. Insbesondere in der zweiten Hälfte haben die Nuldreier*innen ’ne ordentliche Leistung abgeliefert. Das super herausgespielte Abseitstor wurde zwar nich‘ gegeben, zeigte aber, daß die Babelsberger*innen durchaus kombinieren können. Sah zum Teil schon sehr spektakulär aus. Mal seh’n, was da noch kommt…

Weitere sehr schöne Bilder gibt’s auf der Facebook Seite des englischsprachigen Fußballmagazin No Dice, vom eventshocker und auf dem Blog von Ultras Tifo

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1 Kommentar zu „… gestern kamen wir von überall!“

  1. carl sagt:

    Kleine Korrektur, in Genua wurden 10 AktivistInnen zu insgesamt 100 Jahren Gefängnis verurteilt. Was den Appell natürlich nicht weniger unterstützenswert macht. Zehn, niemand, dreihunderttausend!

    PS: Und bewegte Bilder von der Pyroshow … http://www.youtube.com/watch?v=zV0Zngq8FtI&feature=youtube_gdata_player

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