Drei Spiele, sieben Punkte und zwei Comunicati

Puh, so schnell kann eine englische Woche rum sein. Zu schnell zumindest für uns, um allen Amaranto-Partien einen eigenen Spielbericht zu widmen. Verdient hätten es die Spiele und die Mensch*schaft, aber wir waren einfach zu viel in Babelsberg unterwegs. Sieben Punkte stehen nach dieser Woche zu Buche und Livorno ist vorläufig wieder auf den zweiten Tabellenplatz geklettert. Das Durchhalten der curva nord hat sich also gelohnt. Und all die Hetze und ablenkenden Diskussionen um Fanproteste gegen Schweigeminuten für getötete italienische Soldat*innen haben nicht für Unruhe in Livorno gesorgt. Aber eins nach dem anderen.

Am vorletzten Freitag eröffnete Livorno mit seinem Heimspiel gegen die Romagnol* aus Cesena den elften Spieltag der Serie B. Ehe der Ball freigegeben wurde, hielten die Teams – wie schon viel zu oft – auf Geheiß des Verbands eine Schweigeminute für eine*n in Afghanistan getötete*n italienische Soldaten*in ab. Die Kurve sah das zum wiederholten Male nicht ein und drehte sich mit dem Rücken zum Rasen. Dieser Protest sollte später noch für einige ekelhafte Kommentare sorgen. Doch zunächst zum sportlichen Teil: Livorno spielte eine sehr gute Partie. In der ersten Hälfte kamen fast alle Amarant* zum Torschuss – doch keine*r traf. Vor circa 4000 Zuschauer*innen – viele in verheißungsvollen gelben Regenjacken à la Spinelli – dauerte es bis zur 58. Minute, bis Livorno endlich in Führung ging. Ausgerechnet der nur kurz zuvor eingewechselte Federico Ceccherini machte das so wichtige und wie sich bald zeigte einzige Tor des Abends für Amaranto: ein wunderbarer Kopfball in Höhe des ersten Pfostens nach einer Ecke. Alle freuten sich mit Ceccherini, denn es war der erste Treffer des erst vor 20 Jahren in Livorno geborenen Abwehrspielers in der Serie B!

Mit seinem Tor spielte sich Ceccherini prompt in die Startelf für die Partie bei Virtus Lanciano am Dienstagabend. In den Abruzzen zeigte Amaranto erneut einen starken Auftritt, die Mensch*schaft erarbeitete sich zahlreiche Chancen. Lanciano kam nur ein, zwei Mal gefährlich vor das Tor, das wieder Enzo Fiorillo hütete. Der verdiente Führungstreffer fiel in der 37. Minute. Luca Belingheri traf mal wieder. In der zweiten Hälfte drängte Virtus zum Ausgleich. So richtig große Gefahr strahlten die in schwarz-rot spielenden Abruzzes* aber nicht aus. Immerhin, Livorno ließ sich verunsichern. In der vierminütigen Nachspielzeit wurde es dann brenzlig. Erst vergaben Dionisi und Piccolo und verpassten es damit, den Sieg einzufahren. Dann schmiß Virtus alles nach vorn, kam erst zu einem Lattentreffer und schließlich sogar noch zum Ausgleich. Der Torschütze Alessandro Volpe ließ sich entsprechend feiern. Danach hatte Livorno zwar noch einen Freistoß aus aussichtsreicher Position und eine anschließende Ecke, aber die Standards blieben ungenutzt. Der 1:1 Endstand fühlte sich wie eine Niederlage an.

Es galt sich schnell von diesem Rückschlag zu erholen, denn schon am Samstag folgte das nächste Spiel. Bari kam ins Picchi und das hieß in der Vergangenheit nichts Gutes. 40 Jahre konnte Amaranto nicht mehr gegen den süditalienischen Club gewinnen. Das sollte gestern anders werden, auch wenn die Voraussetzungen nicht die besten waren. Mazzoni, Siligardi und Ceccherini fehlten verletzungsbedingt, Lambrughi war gesperrt. Dennoch: Schon nach fünf Minuten bekam Livorno einen Elfmeter für ein Foul an Paulinho zugesprochen. Und Federico Dionisi schoß souverän das 1:0. Bari, das ohne die Punktstrafe infolge des jüngsten Wettskandals auf Rang vier der Tabelle stehen würde, machte nun Druck, kam aber kaum zu Torchancen. Und wenn doch, vereitelte diese der erneut gut haltende Fiorillo. In der zweiten Hälfte spielte die Mensch*schaft von Davide Nicola wieder gut nach vorn. Und wieder war es die 58. Minute, in der Livorno einnetzte. Diesmal traf Pasquale Schiattarellla nach einem Traumpaß von Paulinho, der sich zuvor auf der linken Seite durchsetzte. Paulinho selbst blieb trotz einiger Chancen auch gestern der verdiente Treffer verwehrt. Livorno hatte das Spiel im Griff und gab es ein paar Minuten nach dem 2:0 doch wieder aus der Hand. In der 72. Minute verkürzte Bari. Nachdem sich Lorenzo Remedi, noch nicht mal eine Minute eingewechselt, nach einem richtig dämlichen Foul die rote Karte abholte, wurde es also wieder spannend. Aber Fiorillo hielt sein Tor sauber und damit den 13. Saisonsieg von Amaranto! Von Alè Livorno hat er dafür die Note 8 bekommen und damit zusammen mit Emerson die Bestnote.

Sportlich läuft’s also in Livorno – Mensch*schaft und Trainerteam scheinen sich wohlzufühlen. Das bestätigte auch Fiorillo im Interview nach der gestrigen Partie. Doch in der Kurve brodelt es. Noch Tage nach dem Spiel gegen Cesena am 26. Oktober mußten die Fans in den Gazzetten lesen, dass sie sich böse und schändlich verhalten hätten, als sie gegen die Schweigeminute protestierten. Es wurden sogar Vergleiche mit den Schmähgesängen von Hellasmerda gegen Morosini angestellt. Gegen diese Verunglimpfungen wehrte sich die curva nord mit zwei comunicati. Eines dokumentiert ausgerechnet der rechtslastige „Il Tirreno“ auf seiner Homepage. Darin heißt es:

Wir möchten darauf hinweisen, daß auch andere Menschen sterben, die nicht in den Krieg gehen, nicht töten und Verbrechen verüben, sondern sich jeden Tag auf’s Neue quälen […] Für diese Arbeiter, die ihr Leben lassen mußten, werdet Ihr nie Schweigeminuten abhalten, denn sie sind nur eure Sklaven. Und auch im Fußball fallen euch lediglich repressive Maßnahmen und die Kontrolle durch Registrierung mittels der Tessera del tifoso ein. Außerdem reglementiert ihr das Spiel mit Drehkreuzen, Barrieren und Kameras. Dadurch werden aber für alle sichtbar die Stadien immer leerer und der echte, der freie Fußball stirbt. Den holen aber Fans wie wir, die ohne Heuchelei kämpfen, in unsere Kurve und unsere Stadt zurück!

Zuvor wurde bei Senza Soste eine Stellungnahme veröffentlicht, in der Stadionverbote (DASPO) kritisiert werden und auf die steigende Zahl toter Arbeiter*innen verwiesen wurde. Außerdem wurde betont, daß die Kurve eben nicht zwischen Toten erster und zweiter Klasse unterscheidet.

Mensch mag zu Stadionverboten stehen, wie er*sie will. Im Falle der Scheißtypen von Hellasmerda, die beim Spiel im Picchi am 20. Oktober Chöre gegen Morosini gesungen haben und freudig den rechten Arm streckten, bin ich froh, daß vier von ihnen bestraft wurden. Fünf Jahre Stadionverbot haben sie bekommen – in erster Linie wegen der Anti-Morosini-Gesänge. Drei von ihnen auch wegen faschistischer Gesten. Was anderes war nicht zu erwarten, wenn nur eine Woche später die Livornes* wegen ihrer Kritik an Krieg und Arbeitsbedingungen zur Schande der Nation erklärt werden.

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