Glotzen, tanzen und sich ärgern!

Eigentlich wollten wir ja am vergangenen Wochenende zum Spiel von Livorno gegen Ternana fahren. Alles war geplant: Der Urlaub eingereicht. Die Flüge schon fast gebucht. Die Unterkunft organisiert. Mitfahrer*innen hatten Interesse bekundet. Und dann terminiert diese verdammte sportwettengesponserte Serie Bwin den Termin einfach auf Freitag, obwohl doch monatelang der Samstag vorgesehen war. Und das Rostock Spiel im KarLi fällt auch noch aus. So’n Dreck… Naja, ganz so schlimm war’s dann doch nich‘. So konnten wir in gemütlicher Runde bei frischgemachter Pizza, wärmendem Samovar, kühlem Bier und gutem Wein am Freitag das Spiel kucken und einen Tag später ’ne grandiose Performance des Brockdorff Klang Labor erleben.

In Livorno haben wir leider, da wir nun mal doch nich‘ gefahren sind, das Konzert der grandiosen livorneser psychodelic vegan electro Rocker*innen von Appaloosa verpaßt. Die sind nämlich im seit einem Jahr besetzten Wohn-, Kunst-, Kultur- und sozialen Projekt Ex Caserma Occupata vor mehreren hundert Menschen aufgetreten. Muß unglaublich gewesen sein. Schade… Aber dieses (verpaßte) Konzert beweist einmal mehr, daß sich Livorno immer lohnt. Nämlich mit dem Teatrofficina Refugio (TOR), das wir in der letzten Ausgabe unseres Diario ausführlich vorgestellt haben, und dem Ex Caserma Occupata sowie den bereits bekannten Projekten gibt es mehrere Orte für ’ne spannende alternative Kultour durch die Stadt. So macht Hopping richtig Spaß. Und wenn ma‘ das Spiel ausfällt, gibt’s garantiert ’ne schöne Entschädigung für die Augen oder Ohren oder beides.

Apropos Entschädigung. Die Performance – einfach nur Konzert oder Gig schmällert nur das, was die drei Diskurselectrowavepunkskinheads vom Brockdorff Klang Labor abgeliefert hab’n – war einfach nur der Hammer! Hat mir sehr gut gefall’n. Auch wenn es später los ging, als erwartet, und wir deshalb zunächst in unsere Lieblingsstadtteilkneipe ausweichen mußten. Das Warten hat sich mehr als gelohnt. Für das Ultrà-Herz war alles dabei: Mit Sad Eyed Punk gab’s was zum Mitgröhlen und ’nen Ohrwurm für mich. Übrigens der Refrain ist für dich Klaus Brüggemann: „Gib deinen Job auf! Verlaß das Land!“ Meint: Verpiß dich endlich, Klaus! Deine Charlottenburger Fresse brauch‘ keine*r in Babelsberg! So!. Das mußte ma‘ raus…

Aber zurück zum Brockdorff Klang Labor. Die hatten nämlich noch ein paar mehr Hits auf Lager. Nich‘ nur für Ultras! Sehr fein fand ich zum Beispiel 1989. In die Befreiungsode oder vielleicht besser der Hymne mit emanzipatorischen Imperativ hat sich nämlich ein Vers aus ’nem legendären Arbeiterlied eingeschlichen. Und absolut genial ist Festung Europa. In dem Track geht es um die Abschottung des als Europa überhöhten westeuropäischen Wirtschaftraum, besser bekannt als Europäische Union. Zum Abzappeln gab’s ebenfalls genug. Und am Ende ließ schöner Rauch das Ultrà Herz jauchzen. Hat eigentlich nur noch Pyro gefehlt.

Mädchenmusik, was immer das auch sein mag, war das nich‘, was die drei Avantgardist*innen abgeliefert haben. Emanzipatorisch avantgardistische Mensch-Maschinen-Mucke paßt da schon eher. Nadja von Brockdorff, die Stimme des BKL Kollektivs, hat mir persönlich vor allem bei Festung Europa sehr gut gefall’n. Es gab noch ein zweites Lied – ich glaub‘ es war Some girls are bigger than others – wo ich echt erstaunt war und das Zappeln glatt vergessen hab‘. Ekki Labor, der Mensch in der Taucherhose, ist wohl der Schüchterne des Trios. Er drückt auf irgendwelchen Knöpfen und Keyboards rum. Oder spielt das Wahnsinnsmachinchen AX Synth. Einmal darf er auch singen… Sergej Klang, seines Zeichens Electro-Skinhead und ebenfalls mit haufenweise Tasten ausgestattet, singt auf jeden Fall öfter. Noch mehr redet er aber. Und er tanzt. Irgendwie erinnert mich Sergejs Modern Dance und die performative Verbalakrobatik des BKL Kollektivs in der Vermischung von politischem Statement, unterhaltsamen Anekdoten, Diskurssampling sowie dadaesk wavigem 80er Gezappel an Eisensteins Theorie von der Montage der Attraktionen. Vielleicht fällt mir das aber auch nur ein, weil ich ein Buch zur Berliner Eisenstein-Konferenz im Jahr 1959 geschenkt bekommen habe. Vielen Dank nochma‘ dafür… Könnte doch wirklich sein, daß Sergej Klang tatsächlich den großen, wenn nich‘ größten Theater- und Filmtheoretiker sowie Kulturaktivisten ehren möchte. Vielleicht bedeutet die Namenswahl aber auch einfach gar nix. Wer weiß…

Aber kommen wir zurück zur Hauptsache – zum Spiel am Freitag. Wie schon erwähnt, haben wir das Treffen der antagonistischen Freund*innen im heimischen Wohnzimmer verfolgt. Viele stolze Non Tesserati der Curva Est aus Terni blieben ebenfalls zu Hause. Die Gästekurve, die hätte eigentlich voll und laut sein wollen, fristete, wie bei so vielen anderen Spielen seit der Einführung der Fanregistrierung, ein weitestgehend einsames und stilles Dasein. Die Curva Nord blieb leider, wie auf Bildern und bei den seltenen Schnitten auf die Kurve(n) zu sehen war, auch nur halb gefüllt. Dafür wirkte zumindest der akustische Support recht laut. Es war aber lange nich‘ so euphorisch, wie es schon bei anderen Spielen in dieser Saison gewesen sein muß, und lange nicht so brachial, wie zu Zeiten der BAL. Aber angesichts des Scheißwetters und der unmöglichen Spielansetzung, denke ich, haben die Livornes* ’nen relativ ordentlichen Tifo abgeliefert.

Wir zu Hause war’n da etwas lahmer. Chöre auf der heimischen Couch machen einfach keinen Spaß. Es fehlt die aufputschende Atmosphäre der Kurve, die leuchtenden Augen der anderen Tifos* und erst recht das Feuer der Ultras. Klingt pathetisch, wa. Is‘ aber so… Es macht keinen Spaß zu Hause Fußball zu kucken. Vor allem weil wir ja im Picchi sein wollten. Und wenn dann auch noch ein langweiliges Spiel dazu kommt, bleibt tatsächlich nur noch das heißgeliebte Bier…

Die erste Hälfte tröpfelte so dahin. Amaranto dominierte das Spiel und drückte ordentlich, kam aber kaum in den Strafraum. Die erste, nur sehr großzügig als Chance zu bezeichnende interessante Spielsituation gab es für Livorno erst sehr spät. Da stand es längst 0:1 gegen die Gastgeber*innen. Aus dem nix heraus, haben die Gäste aus Terni aus der ersten Chance, einer Ecke, vorgelegt. Glücklicherweise glich Livorno noch kurz vor dem Pausenpfiff aus. Wieder einmal traf Siligardi noch einer besonderen livorneser Freistoßspezialität – die Spieler*innen steh’n statt neben oder vor der gegnerischen Mauer dahinter. Das scheint für solch ein krasses Durcheinander zu sorgen, daß ich jetzt schon das zweite (wichtige) Tor aus dieser Variante geseh’n hab‘. Es funktioniert also.

Die zweite Hälfte startete sehr viel rasanter, als die erste. Ternana wollte das Tor und scheiterte mehrfach am Pfosten oder am grandios haltenden Vincenzo Fiorillo im Kasten von Amaranto. Livorno versuchte nun ebenfalls tatkräftig zum Torerfolg zu kommen. Es entwickelte sich deshalb ein schnelles Spiel, das aber auch durch zahlreiche Ungenauigkeiten und Fehlpässe gekennzeichnet war. Die Livornes* versuchten sich besser zu konzentrieren, um der Favoritenrolle gerecht zu werden. Ternana dagegen bevorzugte statt bolzen lieber das Holzen. Hihi, schöner Kalauer nich‘. Mußte sein… Nach ’ner halben Stunde durfte die Curva Nord dann doch noch jubeln, als mensch damit schon gar nich‘ mehr gerechnet hatte. Siligardi traf zum 2:1 und sorgte für einen wichtigen Heimsieg. Nach etwas Unruhe wurde abgepfiffen und gefeiert… Noch ein paar Stunden in Berlin. Wieviele es in Livorno war’n, weiß ich nich‘.

Also, war vielleicht doch nich‘ so schlimm, daß wir in Berlin geblieben war’n. Das einzige, worauf ich hätte verzichten können, waren und sind die schockierenden Meldungen rund um den SVB. Am Freitag Abend wurde der Rücktritt des Aufsichtsratsvorsitzenden aufgrund unterschiedlicher Ansichten „zur Vereinsausrichtung zwischen den Kapitalgebern und Herrn Schatz“ angekündigt. Einen Tag später kündigte der Verein die Umwandlung der Verbindlichkeiten gegenüber der DKB in Anteile am Verein, verharmlosend Genußscheine genannt, an und wollte diesen Quasi-Verkauf an die Bank auch noch als Weihnachtsgeschenk verkaufen. Komisch nur, daß dieses so „großzügige“ Geschenk zum Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden und zwei Vorstands- sowie Aufsichtsratsmitgliedern führt. Zum kotzen!

Bilder zum Spiel in Livorno gibt’s bei Alè Livorno

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