10. April 2005 – Lazio Merda vs. Amaranto

Das Buch „Tifare Contro“ von Giovanni Francesio, in deutscher Übersetzung von Mr. Altravita im Verlag Burkhardt & Partner erschienen, beeindruckt auch beim zweiten, dritten, vierten… Lesen. Und jedesmal bestärkt es mich darin, daß die Wurzeln der Ultrà Bewegung in seinem tiefsitzendem Antagonismus ein Funke anarchistischer und emanzipatorischer Befreiung enthält, der im Freiraum Kurve ausgelebt werden kann. Allerdings widmet sich Francesio nicht dieser Hoffnung, sondern setzt sich mit der Gewalt der Ultras auseinander.

Die rote Faden im Buch ist deshalb kein leidenschaftlicher, kein erfreulich emotionaler und erst recht nicht ein symphatischer. Francesio widmet sich den blutigen Auseinandersetzungen, den Kämpfen der Ultras untereinander, den forcierten Auseinandersetzung mit den Sicherheitsbeamt*innen, den zahlreichen bekannten und „vergessenen“ Toten und der Repression. Sein Ansatz ist offensichtlich. Die größte und jahrzehntelang erfolgreichste Jugendbewegung Ultrà hat sich im Verlauf der Entwicklung das eigene Grab geschaufelt. Die Politik, allen voran die korrumpierte La Casta der zu Intoccabili abgesonderten Berufspolitiker*innen, die Behörden, die Cellerin*, der Fußballverband und die Vereine scheiterten grandios und nutzten die Ultras lediglich immer wieder, um neue Repressions- und Kriminalisierungsmaßnahmen zu testen.

„Tifare Contro“ setzt dem Ruf nach dem Ende der Gewalt („Serve verità, non violenza“) und der Repression ein emotionales Denkmal und fordert beinah schon eine pazifistische Kurve. Francesio glaubt vielleicht die Ultras retten zu können, in dem er sie zivilisiert.  Dieser Fokus ist meines Erachtens dem spektakulären Tod von Filippo Raciti und der für den Mörder nahezu folgenlosen Erschießung von Gabriele Sandri geschuldet. So konnte es einfach nicht weiter gehen, muß sich Francesio gedacht haben.

Francesio konzentriert sich in seinem Buch deshalb leider viel zu sehr auf den Niedergang der Ultras in Italien. Selbstverständlich muß auch von einem Ultrà offen ausgesprochen werden dürfen, daß die komplizierten Hierarchien innerhalb der Kurve, die wirr verknoteten Freund- und Feindschaften sowie die Verwertung der eigenen Gruppe als Konsument*innen, wie  zum Beispiel der Niedergang der Curva Sud Milano beweist, zum Ende der Bewegung führen könnte. Die Konzentration auf die Gewalt, die dämlichen Provokationen und das unverhältnismäßig undifferenzierte Agieren der Behörden, verwischt aber für mich zu sehr die Wurzeln des Phänomens.

Leider schreibt Francesio viel zu wenig darüber, warum die außerparlamentarisch engagierten Arbeiter*innen, Angestellten, die Kleinhändler*innen, ehemaligen Partisan*innen und ihre Kinder usw. sich irgendwann entschieden haben, die Ausdrucksmittel der Straße mit ins Stadion zu nehmen. Genauso unbefriedigend ist die Schilderung über den Einzug antifaschistischer Kultur und Folklore ins Stadion, der sich sowohl anhand der Gruppennamen als auch der Identitäten feststellen läßt. Wirklich schade. Ich hoffe zu diesen Wurzeln gibt es bald mal etwas mehr. Vielleicht von Domenico Mungo?

Eine Geschichte in „Tifare contro“ ist für mich aber ganz besonders interessant und symptomatisch. Sie zeigt leider viel zu eindrucksvoll, wie in Zeiten der Repubblica Antisociale Berlusca mit antirassistisch und antifaschistisch engagierten Fußballfans umgegangen wird.

Im Kapitel 11 beschreibt Francesio unter dem Titel „Miseren“ den 10. April 2005. An diesem Tag war AS Livorno zu Gast bei den Nazis von Lazio. Die Lazial* und die Behörden verhielten sich, wie zu erwarten war, gewohnt aggressiv und bewiesen, daß es  hervorragende Kontakte zwischen den römischen Beamt*innen und den Nazis in der Kurve gab (und gibt). Die Livornes* wurden beschimpft und kriminalisiert. Die Heimkurve feierte die eigenen Symphatien zum Faschismus mit zahlreichen Hakenkreuzfahnen und eindeutigen Tapeten. Was die Ultras nicht schafften, vollendeten nach dem Spiel die Beamt*innen. Aber lest einfach selbst. Hier der entsprechende Passus im Buch.

Die Zeit vergeht, immer schwerwiegendere Vorfälle folgen aufeinander, aber im Grunde ändert sich nichts: 10. April 2005, man spielt Lazio–Livorno. Ein Hochrisikospiel wegen der hitzigen politischen Rivalität beider Fangruppen, die Lazio–Kurve ist rechtsextrem, die Kurve von Livorno, deren Kern die BAL (Brigate Autonome Livornesi) sind, ist linksextrem. Der 10. April ist der Jahrestag der Moby Prince [1] und die Livornesi wollen daran mit dem Transparent „Moby Prince, 140 Tote ohne Gerechtigkeit. Und die Schuldigen?“ erinnern. Die Polizei nimmt ihnen das Transparent ab, die Grundlage hierfür liefert das Dekret, das ausgerechnet nach dem Banner der Laziali für Arkan erlassen wurde. Das Spruchbanner erscheint nun weder besonders schwerwiegend noch besonders provokant, aber es gibt ja ein Gesetz durchzusetzen: Regeln sind Regeln. Auf der anderen Seite jedoch, in der Nordkurve, wird das Banner „Rom ist faschistisch“ entrollt, inmitten diverser Kelten– und Hakenkreuze. Aber. Und das Melandri–Gesetz? Das Dekret? Bürgermeister Veltroni? Pah.

Nach dem Spiel dann die gewohnte „Runde“ an Auseinandersetzungen und am Ende werden die 300 Livornesi am Bahnhof Rom Ostiense in einen Zug verfrachtet und nach Hause geschickt. Am Bahnhof Rom San Pietro zieht irgendjemand die Notbremse und viele der Ultràs aus Livorno steigen aus. Nicht einmal ein Hauch irgendeines Lazio–Anhängers. Polizisten hingegen massenweise. Es beginnen äußerst harte Kämpfe, an deren Ende 254 (in Worten: Zweihundertvierundfünfzig) Livornesi festgehalten und in zwei römische Kasernen verbracht werden. Für viele Stunden weiß niemand, wo sie sind. Sie werden am folgenden Tag erst freigelassen, man schöpft den vom Gesetzgeber vorgegebenen Rahmen von 24 Stunden also voll aus. Viele erinnern an Bolzaneto [2]. Und wenn man die Leserbriefe unter anderem im Corriere della Sera (auch das passiert manchmal) liest, auch nicht völlig zu Unrecht. Misshandlungen, Beleidigungen, Drohungen, Schubser, Stunden ohne Zugang zu einer Toilette, konfiszierte und zerstörte Mobiltelefone…und immer so weiter. Unter den Festgesetzten sind auch zwei Mitglieder der Rifondazione Comunista, die einen Skandal ins Rollen bringen. Die Abgeordneten Mascia und Giordano präsentieren eine traurige Parlamentsanfrage und eine Befragung des Innenministers [3]. Das Resultat ist eine ernüchternde Abfolge von „ist nicht erwiesen“ und es ist befremdlich, wie man nicht begreift, dass dieses Fehlen von Antworten seitens der Institutionen letztlich nur die Vorwürfe bekräftigt. Vorwürfe, die hingegen durchaus selbst auch teilweise befangen und parteilich sind und die, wenn man sich mit ihnen denn transparent und ernsthaft beschäftigt hätte, sogar dabei hätten helfen könnten, die Gewalttäter herauszufinden und zu isolieren, die im Umfeld der Ultràs agieren. Aber die Strategie ist immer dieselbe: die Anklagepunkte verschwinden zu lassen. Jegliche Art von Aufarbeitung zu vermeiden […]

[1] a.d.Ü.: 1991 kollidiert das Fährschiff Moby Prince im Hafen von Livorno mit einem Öltanker und gerät in Brand.

[2] a.d.Ü.: Im „Bolzaneto-Prozess“ werden die Übergriffe seitens der Polizei in der Bolzaneto-Kaserne während des G8-Gipfels in Genua verhandelt.

[3] siehe http://www.camera.it/_dati/leg14/lavori/stenografici/sed614/bt13.htm und http://gruppi.camera.it/rifondazione/ATTIVITA/interno2/int95.htm

Giovanni Francesio: Tifare Contro.
Burkhardt & Partner
, 2008.
S. 202-204

Mehr gibt es zum 10. April 2005, glaub ich, nicht zu schreiben. Erwähnenswert ist höchstens noch ein andere Episode – nämlich der Besuch der Livornes* beim anderen römischen Verein circa ein Jahr später. Aber darüber später mehr.

Ich bedanke mich ausdrücklich bei Mr. Altravita, daß er mir den Text des 18. Kapitel zur Verfügung gestellt hat. Dem Verlag sei gedankt, daß er das Buch überhaupt gemacht hat.

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